Nikolaus Kriese
Nikolaus Kriese ist ein deutscher Maler, dessen künstlerische Praxis sich über mehr als drei Jahrzehnte erstreckt. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen gestischer Abstraktion, figurativen Fragmenten, Schrift und konkreten Referenzen aus Architektur, Landschaft, Literatur, Wissenschaft und Gegenwartskultur.
Dabei interessiert ihn weniger die Trennung dieser Bereiche als das, was zwischen ihnen geschieht. Bilder, Erinnerungen und kulturelle Fragmente werden aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen gelöst, überlagert und in neue Beziehungen gesetzt. Es entstehen offene Bildräume ohne eindeutige Erzählung.
Nikolaus Kriese lebt und arbeitet in Erfurt. Seine Praxis umfasst freie Malerei sowie ortsbezogene und interdisziplinäre Projekte im privaten und öffentlichen Raum.
Zur Autonomie künstlerischer Praxis
Meine künstlerische Praxis versteht Malerei als eigenständigen Denk- und Erfahrungsraum. Unterschiedliche Wahrnehmungen, Erinnerungen und kulturelle Referenzen werden innerhalb eines Bildes miteinander in Beziehung gesetzt.
Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeite ich mit Malerei als offenem System. Gestische Abstraktion, figurative Fragmente, Schrift und Referenzen aus Architektur, Landschaft, Literatur, Wissenschaft und Gegenwartskultur treffen aufeinander. Sie illustrieren keine vorgegebene Erzählung, sondern bilden neue, teilweise widersprüchliche Beziehungen.
Auch ökonomische Systeme und der Kunstmarkt gehören zu diesem Bezugsraum. Mich interessiert das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Autonomie und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, in denen Kunst entsteht und bewertet wird.
Autonomie bedeutet dabei nicht Isolation, sondern die Freiheit, Material, Erfahrung, Wissen und Intuition miteinander arbeiten zu lassen. Malerei wird so zu einem Prozess des Denkens und Fühlens – einem Raum, in dem Bedeutung offenbleibt.
Nikolaus Kriese — Vita
1982 geboren in Erfurt, Thüringen.
Lebt und arbeitet in Deutschland.
Künstlerische Ausbildung
1999–2000 Kunstinternat Wettin, Halle/Saale
2003–2006 Ausbildung zum Theatermaler, Theater Erfurt & Berlin
Stipendien
2000 Jahresstipendium, Sparkassenstiftung Erfurt
2006 Jahresstipendium, Sparkassenstiftung Erfurt
Aktuelle Werkentwicklung
2026 Die Freiheit des Denkens und des Fühlens — aktuelle Werkgruppe großformatiger Malerei. Offene Bildsysteme verbinden Literatur, Wissenschaft, Architektur, Musik, Landschaft, Ökonomie und persönliche Erfahrung.
Ausstellungen — Auswahl
2013 Kunsthaus Erfurt, Erfurt
2013 Defensionskaserne Erfurt, Erfurt
2012 Now is the only time I know, Villa Haar, Weimar
2012 Thüringer Landtag, Erfurt
2010 Kunstlawine II, ehem. Innenministerium, Erfurt
2009 Galerie Kneisz, Weimar
2009 Kunstlawine, ehem. Innenministerium, Erfurt
2008 Eberhard-Dietzsch-Kunstpreis, Gera
2008 Klub 500, Kunsthaus Erfurt
2007 Villa Hörbiger, Wien
2007 Sign of Infinity, Galerie Eigenheim, Weimar
2006 Architektur und Lebensraum, Neuwerk, Erfurt
2006 Im Licht, Theater Erfurt
2005 Konstruktionen, Universitätscampus Erfurt
2005 Thüringer Landschaften, Galerie im Rathaus, Erfurt
2003 / 2000 Junge Thüringer Kunst, Galerie Vostry, Erfurt
Projekte und Aufträge — Auswahl
Seit vielen Jahren entstehen neben der freien Malerei zahlreiche künstlerische Projekte und Auftragsarbeiten für private Sammler, Unternehmen und Institutionen im In- und Ausland.
Ausgewählte Projekte und Zusammenarbeiten u. a. mit Siemens Mobility, Huawei / Jung von Matt, Thyssen Krupp Marine Systems, KAUST – King Abdullah University of Science and Technology,Permira, HUGO BOSS, Erzbistum Berlin, Hamburger Kunsthalle, Universitätsklinikum Frankfurt, Sparkasse Mittelthüringen, LIDL, Aldi Nord, Institut Montana, Deutschlandfunk sowie im Kontext von Pipilotti Rist.
Weitere Projekte entstanden u. a. für Ensinger Plastics, Brunata-Metrona, QCore, Rösle, Dr. Suwelack, Werner Companies, Group DF, Centuros, Seaship Cont, JCK Holding, BUGA 2021 und weitere internationale Auftraggeber.
Sammlungen
Werke befinden sich in privaten, institutionellen und Unternehmenssammlungen im In- und Ausland. Seit 1995 entstanden zudem mehrere hundert Auftragsarbeiten für private und institutionelle Auftraggeber weltweit.
Medien — Auswahl
Deutschlandfunk — Feature „Ist das noch Kunst oder schon Werbung?“, Reihe Freistil.
Farbe, Spurensuche und Konstruktion
Zwischen Klarheit, Dissonanz und freier Geste
2002 bis heute
Was klar gegliedert und strukturiert erscheint, fügt sich nicht immer harmonisch. In dieser fortlaufenden Werkphase untersucht Nikolaus Kriese die Spannungen zwischen Ordnung und Abweichung, zwischen Farbfläche, Linie und Emotion.
Die Werke sind geprägt von einer lebendigen, oft weitgehend abstrakten Farbigkeit, mit deutlich erkennbarer Trennung von Formen und Ebenen. Immer wieder dominiert ein kühles Blau, durchsetzt von dissonanten, überraschenden Farbkontrasten. Die Bildflächen wirken wie fragmentierte Weltausschnitte oder bewusst entgrenzte Farbfeld-Kompositionen, die sich klarer Einordnung entziehen.
Gleichzeitig verweisen viele dieser Arbeiten auf Anspielungen an kunsthistorische Positionen jüngerer Epochen – mal als Zitat, mal als spielerischer Bruch. Entsprechend variabel sind Maltechnik und Materialeinsatz. Besonders in den Ölarbeiten auf Leinwand zeigt sich eine farbstarke, pastose Materialität, die oft in experimentellen Farbkombinationen und Schichtungen zum Ausdruck kommt.
Viele Werke sind serielle Überarbeitungen, übermalt, transformiert, weitergedacht. Ergänzt werden sie durch expressive Zeichnungen, inspiriert vom Alltag, als visuelle Spurensuche im Jetzt. Reine Farben, Kontraste, offene Formen und grafische Linien treffen auf kosmische Farbspiele und intuitive Bildkonstruktion.
Hier wird nicht nach Konzept gemalt – sondern aus dem Moment heraus: als Künstler, der Farbe, Form und Gegenwart immer wieder neu verhandelt.
Raum Architektur & Landschaft.
Die Erfindung einer anderen Wirklichkeit.
2009–2017
In der Schaffensphase von 2009 bis 2017 stand für den Künstler Nikolaus Kriese die Auseinandersetzung mit Raum, Architektur und Landschaft im Mittelpunkt. Es war eine Zeit intensiver Erkundung – nicht der sichtbaren Welt, sondern ihrer Möglichkeiten. Die Werke dieser Jahre erfinden Wirklichkeit neu: in vielschichtigen Bildwelten, in denen naturalistische, moderne und traditionelle Ansichten zu einem neuen Ganzen verschmelzen.
Kriese entwickelte seine Motive aus alltäglichen Begegnungen – mit Bauwerken, Innenräumen, urbanen Strukturen, Objekten, Landschaften. Diese Eindrücke transformierte er auf der Leinwand in eigenständige Kompositionen: realistisch strukturiert, farblich durchdacht, dabei stets interpretativ.
Durch die Verbindung von mehrfarbigen und monochromen Flächen, von gegenständlichen und expressiven Elementen, entstand eine eigene Bildlogik. Die klare Gliederung von Raum, Objekt und Fläche ließ Bildräume entstehen, in denen das Optische offenbleibt – alles ist denkbar.
Nikolaus Kriese malte in dieser Phase mit Öl- und Acrylfarben auf Leinwand. Die Farbe wurde meist unmittelbar gesetzt – oft endgültig. Jedes Werk folgt einer inneren Ordnung, in der sich bestimmte Formen oder Themen wiederholen: eine stille Serialität, die seine Handschrift prägt.
Die Räume sind fast durchgängig menschenleer – still, unbewohnt, mitunter kühl. Selbst dort, wo Pflanzen oder Gegenstände auftauchen, bleibt eine gewisse Distanz. Architektur, Alltagsobjekte, Naturfragmente treten als eigenständige Akteure in Erscheinung – präzise komponiert, häufig im Großformat.
Diese Phase zeigt einen Künstler, der nicht abbildet, sondern neu denkt, nicht illustriert, sondern sichtbar macht. Seine Malerei bleibt offen – und konsequent jenseits des Mainstreams.
Auftragsmalerei nach Caspar David Friedrich. Werbefilm für Huawei, produziert von Jung von Matt im Atelier Nikolaus Kriese und der Hamburger Kunsthalle, 2019.
Die Welt als Baukasten
Collagenartige Bildinszenierungen zwischen Architektur und Vorstellung
In vielen Arbeiten von Nikolaus Kriese verwandelt sich die Welt in einen visuellen Baukasten: Räume, Objekte und Landschaften werden neu kombiniert – nicht im Sinne des Zufalls, sondern als bewusste Konstruktion einer anderen Wirklichkeit.
Durch die Verknüpfung real existierender Elemente entstehen neue Zusammenhänge. Etwa wenn fotorealistische Architektur plötzlich in farbintensiven Landschaften erscheint oder sorgfältig gemalte Gegenstände als künstlich eingefügte Elemente lesbar werden. Es sind Bildwelten, die sich wie Collagen lesen, aber auf der Leinwand malerisch präzise inszeniert sind.
Mit nicht wenigen dieser Bilder ist es wie mit der Natur: Sie stellt keine Fragen – aber sie gibt Antworten. Kriese eröffnet mit seinen Kompositionen neue Räume: fliegende Objekte, Kinderspielzeug, Aufgänge, Einblicke, Durchgänge, Türen zu einer anderen Dimension. Neue Welten entstehen vor altvertrauter Kulisse.
Stilistisch prägen starke Farbkontraste, eine klare architektonische Gliederung und naturalistische Detailtreue das Werk. Ob geschlossene Rollläden, verlassene Kontore oder akkurat geführte Linienzüge – alles wirkt bewusst gesetzt und zugleich geheimnisvoll. Die Räume wirken oft menschenleer, großformatig, leicht düster und von einer leisen Mystik durchzogen.
Kriese gibt seinen Bildern wenig Weißraum, doch viel Platz für Deutung und Atmosphäre. Der Hang zum Detail, die Kombination aus Struktur und Surrealem – all das macht seine Kunst zu einer Einladung: nicht nur zu sehen, sondern zu erleben.
Reine Farben
Farbe als Material, Emotion, Explosion
In dieser Werkreihe stehen reine, intensive Farben im Zentrum – als Material ebenso wie als Ausdruck. Auf handgefertigten Rahmen entstehen kraftvolle Kompositionen, in denen sich freiformige Gestik, Spachtelmasse, Pigment und Ölfarbe zu einer farblichen Inszenierung verbinden. Die Bilder leben durch ihre Materialität – pastos, schichtweise aufgebaut, nahezu körperlich.
Pigmente werden angerührt, gespachtelt, mit Öl vermischt und zur höchsten Leuchtkraft erhoben. Die Farbflächen interagieren direkt miteinander, reagieren aufeinander, stoßen sich ab oder ziehen sich an. Es ist ein Dialog von Fläche zu Fläche, von Farbe zu Farbe – roh, verspielt, expressiv.
Die Motive entstehen im Arbeitsprozess selbst. Spontanität und Struktur, emotionale Geste und sachliche Zurückhaltung treffen hier aufeinander. Diese Bilder zeigen eine Welt, in der Farbe selbst zum Motiv wird – als energetische Kraft, als Stimmungsbild, als Möglichkeit.
Zwischen expressiver Farbgewalt und kontrollierter Komposition öffnen sich neue Räume. Eine verspielte, beinahe märchenhafte Dimension tritt zutage – mit Anklängen an Natur, an Waldlandschaften, an ein mystisches Außen. Doch die Werke bleiben abstrakt – sie schlagen Brücken zur Wirklichkeit, ohne sie zu imitieren.
Diese Bilder fordern nichts – aber sie fordern heraus.
Glasklar konstruierte Wirklichkeit
Räume aus Licht, Linie und Vorstellung
2007–2016
Welche Orte tragen wir in uns? Wann wird Vorstellung zu Raum? Und ab wann wird dieser Raum wirklich?
Die Arbeiten aus den Jahren 2009 bis 2019 widmen sich diesen Fragen – mit einem Fokus auf Transparenz, Konstruktion und Komposition. Glas steht im Zentrum: Glasbausteine, Flaschen, Fenster, Murmeln, Gläser, Edelsteine – durchscheinende Materialien, die Licht reflektieren und zugleich Struktur bieten. In einigen Bildern lässt sich – beinahe verloren – am Horizont eine kleine Windmühle erkennen.
Die Bildarchitektur ist präzise geometrisch, oft fast technisch. Rote Flächen setzen Akzente in einem vorwiegend bläulichen Farbraum. Manche Werke öffnen sich zur freien Landschaft, andere errichten künstlich geschaffene Räume. Doch stets bleibt die Komposition kontrolliert, der Aufbau klar konzipiert – ein Spiel mit Ordnung und Fläche.
In vielen dieser Bilder spielt der Himmel eine zentrale Rolle. Objekte wirken schwebend, oft ihrer physikalischen Schwere enthoben. Es entsteht ein Eindruck von Schwerelosigkeit, von Entrückung. Die Formen bleiben kühl, beinahe steril – eine Bildsprache, die an die Neue Sachlichkeit erinnert, aber zugleich tief metaphorisch wirkt.
Die Werke erschaffen Zonen der Vorstellung: Rückzugsorte, Denklandschaften, Räume für Fantasie. Sie öffnen neue Dimensionen – als innere Architektur wie auch als spielerische Konstruktion. Die Welt erscheint hier als Baukasten: offen für Variation, geprägt von Struktur – und getragen von einem leisen, glasklaren Geheimnis.
Stille Orte
Architektur, Erinnerung und die Frage nach Heimat
2003–2007
Orte ohne Menschen. Doch voller Geschichte. In dieser Werkphase widmet sich der Künstler Nikolaus Kriese der stillen Präsenz von traditioneller Architektur in expressiven Landschaftsräumen – verwurzelt im Thüringer Wald, in Wiesen, Licht und Erinnerung.
Es geht um Heimatgefühle, um die Frage: Wo ist das, was wir Heimat nennen? Wenn wir hinausfahren, durch Dörfer, Wälder, Felder – wann sind wir wirklich da? Was bleibt, wenn Menschen nicht mehr zu sehen sind, aber ihre Spuren sichtbar bleiben?
Die Arbeiten dieser Jahre zeigen dörfliche Hausfassaden, lichtdurchflutete Höfe, verlassene Häuser, Fenster und Türen – stille Zeitzeugen einer harmonischen, fast idealisierten Wirklichkeit. Architektur wird hier nicht nur als Baukörper gezeigt, sondern als Träger von Geschichten, als Perspektive auf das reale Leben.
Mit offener Farbigkeit, klaren Kompositionen und einem Hang zur atmosphärischen Ruhe entstehen Zeitdokumente – Bilder, die nicht laut sind, aber lange nachhallen.
Diese Werke öffnen den Blick auf das Vertraute – und lassen Raum für eigene Erinnerungen. Stille Orte – nicht vergangen, sondern bewahrt in Farbe, Form und Licht.




























